Ein unbekannter Autor schrieb 1936 folgende Zeilen über seine Eindrücke von den Thüringer Glocken:
Es geht langsam auf den Abend zu. Ich habe an der Eberswiese den Rennsteig des Thüringer Waldes überschritten und gelange nach einigem Kreuz und Quer an eine Bergnase, von der ein Kahlschlag einen prächtigen Ausblick ermöglicht. Tief unten liegt eines der zahlreichen Täler, die von der Höhe des Gebirges nach Tambach hinabführen. Berg steht an Berg ringsum, Wälder bedecken weithin alles, und nur unten auf der Talsohle unterbricht ein hellgrüner Wiesenfleck das ernste Dunkel der Fichten. Darüber hinweg schweift der Blick in die ferne Ebene Nordthüringens, in der in klarer Luft Ort an Ort sich zeigt. Und jene Stille liegt über dem Idyll, die den Abend einzuleiten pflegt. Nicht einmal die Bäume rauschen, und leises Vogelgezwitscher aus dem Tann hinter mir klingt zaghaft und verschüchtert um schnell wieder zu verstummen.

Doch plötzlich - welch ein Summen, welch ein tiefer Ton! -Aus dem Tale kam es herauf, aber es ist schon nichts mehr zu hören. Ob ein Aufrauschen des Waldbaches sich bis zu mir verloren hatte? Doch jetzt vernimmt mein Ohr von neuem den Ton, und mit einem Mal wird der Klang lauter und melodischer und dann rauscht es wie mit vollen Akkorden zu mir empor. Noch sehe ich den Ursprung nicht, aber ich kenne ihn: Eine Rinderherde ist es. Wer als Fremder zum ersten Mal auf dem Thüringer Wald solch eine Begegnung hat- und sie kann ihm überall auf seiner weiten Strecke winken- ist entzückt. Mir ist sie immer wie ein Märchen erschienen, so oft ich sie auch schon erlebte. 

Am Rennsteig während des Sonnenaufganges und blühende Sommerwiese

 
Sonnenaufgang im Thüringer Becken


 Der Glockenklang wechselt ein paar Minuten lang, schwillt an und nimmt an Stärke ab, um wieder anzuschwellen.
Jetzt tritt eine Kuh aus dem engen Tal auf die Wiese. Dann folgt eine nach der anderen, und schließlich sind es wohl zwanzig weiß und braun gefleckte Tiere, die dort in der Tiefe unter Obhut des Hirten und des Hundes langsam über die Wiese ziehen. Jede von ihnen trägt ein Glöckchen am Hals. 

Die einfachen Glocken sind so gegeneinander abgestimmt, daß ein harmonisches Läuten erklingt, wenn die Tiere beim Gehen und Bücken den Hals bewegen. Nun verschwindet eine um die andere hinter einem Bergrücken. Der Glockenklang ebbt ab und bald liegt wieder die alte Ruhe über dem Tal. Die wenigen Minuten waren ein zartes, köstliches Erlebnis. Geradezu ein Hauch aus dem Märchenland für den einen und ein alltägliches Ereignis für den anderen.


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